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Am 01. Januar 1972 wurde der Markt Burkardroth aus der Taufe gehoben

" In dem Bestreben im näheren Heimatraum eine starke, auch künftigen Anforderungen entsprechende Gemeinde zu erhalten und zu festigen...

" In dem Bestreben im näheren Heimatraum eine starke, auch künftigen Anforderungen entsprechende Gemeinde zu erhalten und zu festigen... die bei einem Zusammenschluß am 1.1.1972 letztmals erreichbare höchstmögliche finanzielle Förderung des Staates in Anspruch zu nehmen, zur Vereinfachung der Verwaltung bei den ohnehin gemeinsamen und mit hohen Kosten verbundenen Aufgaben, besonders auf dem Gebiet des Volksschulwesens und der Abwasserbeseitigung, beizutragen  und damit den Fortschritt zum Wohle und zum Nutzen der Bürger zu unterstützen, schließen sich der Markt Burkardroth und die Gemeinden Frauenroth, Gefäll, Katzenbach, Lauter, Oehrberg, Stralsbach, Waldfenster, Wollbach und Zahlbach nach dem Willen der Mehrheit ihrer Bürger...im gegenseitigen Vertrauen auf eine gute nachbarliche Zusammenarbeit in der Zukunft mit dem Ziel einer gegenseitigen Aufwertung ab 1.1.1972 zu einer Einheitsgemeinde zusammen."



Dies sind die einleitenden Worte des ,,Zusammenschluß-Vertrages". Mit diesem Vertrag schlossen sich zum 01.01.1972 die ehemaligen Gemeinden Burkardroth, Frauenroth, Gefäll, Katzenbach, Lauter, Oehrberg, Stralsbach, Waldfenster, Wollbach sowie Zahlbach zusammen. Diesem Zusammenschluß ging eine Befragung bzw. Abstimmung in den jeweiligen Gemeinden im Oktober 1971 voraus. Amtierende Bürgermeister waren zu dieser Zeit in Burkardroth Reinhold Kleinhenz, in Frauenroth Heinrich Reitelbach, in Gefäll Franz Bühner, in Katzenbach Johann Höglmeier, in Lauter Erwin Arnold, in Oehrberg Markus Rölling, in Stralsbach Benno Schlereth, in Waldfenster Ehrenfried Schlereth, in Wollbach Franz Grom und in Zahlbach Josef Albert.

Aus den Orten Stralsbach, Waldfenster und Lauter wurden zunächst Wünsche an einem Zusammenschluß mit der Stadt Bad Kissingen laut. Interessant ist, daß sich im Rahmen der Abstimmungen 10 Orte, mit Ausnahme von Premich und Waldfenster, für einen Zusammenschluß aussprachen. Selbst die Gemeinde Stangenroth stimmte mehrheitlich im Rahmen einer Ortsbefragung für eine Eingemeindung ab. Der Gemeinderat von Stangenroth lehnte jedoch mehrheitlich den Zusammenschluß mit dem Markt Burkardroth ab.

Gerade umgekehrt war es seinerzeit in der Gemeinde Waldfenster. Hier stimmte die Ortsbevölkerung mehrheitlich gegen eine Zusammenlegung. Nachdem der damalige Gemeinderat diese jedoch favorisierte, fand sich überraschend bei einer weiteren Befragung eine ausreichende Mehrheit der Ortsbevölkerung für eine Zusammenlegung. Die ,,negativen" Gemeinderatsbeschlüsse der Gemeinderäte aus Premich und Stangenroth respektierend gründete sich der neue Markt Burkardroth schließlich aus den 10 genannten Gemeinden.

Wenn man sich der Tragweite dieser Entscheidungen bewußt wird, daß damit Gemeinden ihre Selbständigkeit aufgaben und einen unbekannten neuen Weg der Gemeinsamkeit mit 10 Partnern gingen, kann man ermessen wie schwierig diese Entscheidungen für die einzelnen Gemeinderäte waren. Wie schwer war undist es, eine Dorfgemeinschaft zusammenzuhalten, geschweige denn 10 Dörfer.

Erster Bürgermeister, bei der Wahl am 19. März 1972, des neuen Marktes Burkardroth mit Sitz in Burkardroth wurde Ludwig Moritz aus Gefäll. In der konstituierenden Sitzung des neu gewählten Gemeinderates im Pfarrjugendheim, zu der rund 100 Zuhörer kamen, wurde Ehrenfried Schlereth aus Waldfenster zum zweiten Bürgermeister und Manfred Faber aus Zahlbach zum dritten Bürgermeister gewählt. Weiterer Stellvertreter wurde Rudolf Rost. In der Zwischenzeit ab 01.01.1972 bis 20.04.1972 leitete der mittlerweile leider schon verstorbene Alfons Mahlmeister aus Burkardroth kommissarisch als Staatsbeauftragter die Geschicke der neuen ,,Großgemeinde". Übrigens kam zum damaligen Zeitpunkt die Idee zur Einführung eines Amtsblattes, der ,,Ortsschelle"' von Alfons Mahlmeister.

Triebfeder für die Gebietsreform war damals die Vereinfachung und Schaffung von leistungsfähigen Verwaltungen und die Schaffung von Gemeinden, die aufgrund ihrer Struktur in der Lage seien, den Anforderungen an eine Gemeinde künftig entsprechen zu können.

Wer damals glaubte, aus 10 strukturschwachen Rhöngemeinden eine Mustergemeinde schaffen zu können, mußte sich zwangsläufig täuschen. Zu groß waren die Probleme, waren die Aufgaben, die dem Markt Burkardroth in die Wiege gelegt wurden. Hinzu kam, daß nicht zuletzt auch durch die Sonderschlüsselzuweisungen mit rd. 4 Mio. DM eine recht große Erwartungshaltung der Bevölkerung an den neuen Markt Burkardroth gestellt wurde. Der Markt Burkardroth mußte "laufen" lernen. Die Gemeindeschreiber der ehemaligen selbständigen Gemeinden wurden allesamt als Verwaltungspersonal des neuen Marktes Burkardroth übernommen. Eiligst wurden durch den neu geschaffenen Bautrupp die Unterlagen waschkorbweise ins Rathaus nach Burkardroth geschafft. Viele bereits begonnenen, bzw. beschlossenen Investitionen der 10 ehemalig selbständigen Gemeinden mußten übernommen und umgesetzt werden. Investitionsgarantien waren vereinbart.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die finanzielle Situation der einzelnen Gemeinden zum Zeitpunkt des Zusammenschlusses. Während Lauter, Burkardroth und Zahlbach Schulden in Höhe von rd. 420.000 DM mit in die Ehe brachten, konnten die übrigen sieben Gemeindeteile Rücklagen in höhe von 360.000 DM mit einbringen. Der Haushalt der ehemaligen Gemeinden bewegte sich im letzten Jahr vor der Zusammenlegung zwischen 94.000 DM in der Gemeinde Katzenbach und 789.000 DM in der Gemeinde Burkardroth. Hierbei muß darauf hingewiesen werden, daß manche Gemeinde mit Rücklagen große Aufgaben vor sich hatte, und die Schulden von Lauter, Burkardroth und Zahlbach auf geleistete Investitionen zurückzuführen waren. Heute beträgt das Haushaltsvolumen des Marktes Burkardroth rd. 11 Mio. Euro.

Viele Aufgaben galt es anzupacken. Kanalisation, Kläranlagen, Wasserversorgung, Kindergärten, Feuerwehrgerätehäuser, Leichenhäuser und nicht zuletzt ein notwendiges Rathaus für die Großgemeinde. Von Baugebieten, Straßenbau und Sonstiges ganz zu schweigen. Die Diskussion um eine mögliche Auflösung des Marktes Burkardroth griff immer weiter um sich. So wurde zunächst verstärkt in den Reihen des Marktgemeinderats, später auch in der Qrtsbevölkerung, immer mehr die Frage nach einer möglichen Trennung in Teilbereichen diskutiert. Die Gemeinderatssitzungen wurden zunehmend schwieriger.

Ein Bericht aus der Saale-Zeitung aus dem Jahr 1975 beschreibt die damalige Situation folgendermaßen:

"Als sich 10 Gemeinden das Ja-Wort gaben, war es nicht mehr als eine Muß-Heirat und von Liebe keine Spur. Daß der Landrat dafür die Schelte bekam, ist ebenso erfreulich wie sein offenes Wort. Eine sofortige Erfüllung aller Wünsche sei nie versprochen worden. Nur dieses offene Wort kommt nun genau drei Jahre zu spät. 1972 sind den Gemeinden nämlich in der Tat goldene Jahre zugesichert worden. Die Gebietsreform schwamm auf dem Segen des Landratsamtes dahin. Sicherlich, die Sache mit dem Geld stimmt. Das Haushaltsvolumen ist gemessen an 10 kleinen Gemeinden gestiegen, die Eifersucht aber auch. In einer Ehe geht es ums Geld nicht allein. Die Partner müssen zusammenpassen, die Harmonie muß stimmen. Und dies hat in Burkardroth nie gestimmt. Der "zusammengewürfelte Haufen" hat sich restlos auseinandergerauft. Intrigenspiele tun das Übrige. Ein zerstrittener Gemeinderat tat das Seinige. Das Erstaunliche ist eigentlich nur, vor ihrem eigenen Scherbengericht bleiben die Gemeinderäte fast ein wenig unglücklich stehen. Die Boshaftigkeit ist der Resignation gewichen und in der Frage nach Schuld wurde zaghaft sogar an die eigene Brust geklopft. Der erste Scheidungstermin wurde abgewiesen, glich einem kargen Versöhnungsangebot. Wir möchten schon - aber wir können nicht. Gewaltsam eine Ehe zu kitten führt zum Ruin. Sie gewaltsam nach Überlegungen aller sachlichen Fakten auseinanderzureißen gleicht einem Rückschritt. Wo schon Liebe nicht bindet, sollte Vernunft regieren. Falls es nicht auch schon für sie zu spät ist."

Nach 6 Jahren, 1978, wurde der Markt Burkardroth durch die zwangsweise Eingemeindung von Premich und Stangenroth noch größer. Bezeichnend ist hierbei, daß der Ort Stangenroth bei der Wahl im März 1978 keine einzige Stimme zur Kommunalwahl abgab. Lediglich zwei Stimmzettel zur Landratswahl füllten die Wahlurnen. Die leere Wahlurne wurde begleitet vom Musikverein Stangenroth in den Markt Burkardroth gebracht. Aber dieser Wahlboykott nützte nichts, Stangenroth und Premich wurden zwangsweise in den Markt Burkardroth eingegliedert.

Beseelt von dem Gedanken, die Richtigkeit der Gebietsreform zu untermauern, führte die Euphorie der Investitionen dazu, daß sich der Markt Burkardroth erheblich in die Verbindlichkeiten hineinlavierte. Da dies den beiden neuen ,,Kindern" dieser Gemeinde bekannt war, brachten sie weitere Verbindlichkeiten in Höhe von 1,4 Mio. DM mit in die Ehe. Die angesprochene mangelnde Freiwilligkeit dieser beiden neuen Gemeindeteile verbesserte die Situation nicht gerade.