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Kirche "St. Sebastian" in Stangenroth
Das Stangenrother Gotteshaus lädt den Besucher, egal aus welcher Richtung man kommt, zum Eintreten ein. Das Erste nämlich, was einem als Betrachter auffällt, sind die vielen Türen der Kirche. Sie prägen das Außenbild des Gotteshauses und lassen bereits beim ersten Betrachten die Vermutung zu, dass St. Sebastian in mehreren Etappen gebaut und erweitert wurde.
 
 Im Inneren umfängt den Besucher ein ganz sonderbarer aber angenehmer Duft, wohl eine Mischung aus Weihrauch und altem Holz. St. Sebastian blieb von der Ernüchterungswelle in den 60er und 70er Jahren verschont und versprüht somit den Charme einer kleinen, gemütlichen katholischen Dorfkirche mit Patina.
Lässt man seinen Blick umherschweifen, bleibt er unwillkürlich an der Kanzel hängen, die an der rechten Wand befestigt ist, und keinen Aufgang hat. Wie ist das möglich? Küster Pius Voll muss auf die Frage nach dem fehlenden Aufgang erst einmal schmunzeln und erzählt, dass man früher von der Sakristei aus über eine Treppe im Hof auf die Kanzel gelangte. Aber selbst Pfarrer Gloos, der von 1933 bis 1964 Pfarrer in Stangenroth war, habe nach Auskunft des Küsters schon viele Jahre vom Altar aus gepredigt. Inzwischen wurde die Tür im Mauerwerk verschlossen, so dass die Kanzel als Zierde dient.
Rechts unterhalb der Kanzel haben die Stangenrother einen kleinen Schatz versteckt, ihre Lourdes-Grotte. Sie wurde noch vor dem 1. Weltkrieg von einem kinderlosen Ehepaar gestiftet, dem „Langeschmied“ und seiner Frau. Die Grotte wurde aus Bergfindlingssteinen errichtet und die Figuren der Maria und der Bernadette sollen, so Ernst Dettmer in seiner 1988 erschienenen Dorfchronik, in Würzburg geschaffen worden sein.
An der sich anschließenden Wand sind zwei sehr prächtige und große Figuren angebracht. Sie stammen vom ehemaligen Barockaltar der Kirche und stellen den Hl. Laurentius sowie den Hl. Johannes Nepomuk dar. Der Hl. Laurentius war der Kirchenpatron, wie in einer von Pfarrer Anton Reinhard notierten Beschreibung der gottesdienstlichen Verhältnisse vor dem 30jährigen Krieg zu entnehmen ist. Zu seinem Festtag einmal im Jahr soll Gottesdienst in Stangenroth zelebriert worden sein. Die andere Figur des Hl. Johannes Nepomuk gilt als Patron der Priester und Beichtväter. Der tschechische Domherr und Generalvikar des Erzbischofs von Prag soll, so liest man im Heiligenlexikon, durch sein energisches Auftreten für die Rechte der Kirche gegenüber dem König und durch seine Predigten beim Volk berühmt, dem Monarchen (Wenzel IV., König von Böhmen und Deutschland und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Johannes Nepomuk wurde der Legende nach gefoltert, weil er als Beichtvater der Königin das Beichtgeheimnis nicht brach. Sein Leichnam soll in die Moldau geworfen worden sein, worauf die Königin eine Erscheinung von fünf Sternen hatte, die den Fundort offenbarten. So konnte der Tote geborgen und beigesetzt werden. Warum allerdings die Figur des Hl. Johannes Nepomuk den ehemaligen Altar der Stangenrother Kirche zierte, ist nicht überliefert. Der Hochaltar selbst soll ein sehr prächtiger Altar gewesen sein, erzählt Küster Pius Voll, der 1890 abgerissen wurde, weil ihn der damalige Pfarrer Weißenberger als ruinös und die Nebenaltäre als schauerlich aussehend empfand. ) allerdings lästig gewesen sein.
Der jetzige Altar ist ein sehr nüchterner und schnörkelloser, den der Würzburger Kunstschreiner Link seinerzeit anfertigte. Er wurde am 13. August 1890 aufgestellt und soll 1.300 Mark gekostet haben, schreibt der Chronist Ernst Dettmer. Das Altarblatt, das rissig und beschmutzt war, ließ Pfr. Weißenberger im Zuge der Renovierungen restaurieren und wieder einsetzen. Links und rechts am Altar sind zwei Heiligenfiguren angebracht. Sie stellen (links) den Namenspatron Hl. Sebastian und den Hl. Wendelinus dar. Dem Hl. Wendelinus wird der Sage nach, ein Wunder in Stangenroth zugeschrieben. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts grassierte eine Viehseuche hier. Die Bauern fuhren mit dem gemeindlichen Schinderkarren ihr verendetes Vieh auf den Schinderrasen, den damaligen Tierfriedhof. Einem frommen Bauern erschien ein altes Männlein, das ihm den Rat gab, den Schinderkarren am Dorfeingang so zu platzieren, dass die Deichsel in Richtung Kreuzberg zeige. Von da an erkrankte kein Vieh mehr in Stangenroth und noch heute wird im Dorf der Wendelinustag (21. Oktober) festlich begangen.
Während vor 1890, so erzählt Pius Voll, links der barocke Marienaltar und rechts der ebenfalls prächtige Josefsaltar als Seitenaltäre platziert waren, ist es heute genau anders herum, allerdings nicht ganz so prachtvoll. Die rechte Marienfigur bezeichnet der Chronist Dettmer, als äußerst qualitätsvolle Arbeit. Sie wurde 1771 geschaffen und von Katharina Edelmann gestiftet. Jahrhunderte lang stand sie im Freien, draußen vor der Kirche, bevor sie ihren Platz in der Kirche erhielt. Die Inschrift lautet: „Sie ist der Stab ohn Ast ohn Rind, ganz frei an Erb-, an wirklich Sünd.“ Ein pensionierter Kirchenmaler, der sich in Stangenroth niedergelassen hatte, bemalte seinerzeit die von einer grüngrauen Patina überzogene Steinfigur, die von nun an mit ihrer gesamten Schönheit und graziösen Darstellung bezaubert. Pius Voll weiß zudem zu berichten, dass man diese Rokoko-Madonna als rechten Seitenaltar anbrachte, die sie wegen der Kopfneigung auf der linken Seite an die Wand schauen würde. Rechts neben der Madonna ist eine aus Holz geschnitzte und angemalte Herz-Jesu-Skulptur angebracht, über deren Herkunft nichts Genaueres überliefert ist. Ebenso hat man derzeit keine weiteren Angaben über die Figur des Hl. Josef am linken Nebenaltar sowie über den Hl. Antonius und den Hl. Aloisius, die sich beide ebenfalls in der Stangenrother Dorfkirche befinden. Einzig die Figur des Hl. Sebastian, die links neben der Empore platziert ist, wurde vom Kriegerverein gestiftet und aus Sicherheitsgründen vom nördlich gelegenen Vorraum der Kirche, wo sich auch die Gedenktafeln der gefallenen Stangenrother Soldaten befinden, im Innern der Kirche angebracht ebenso wie ein sehr großes, schönes Jesuskreuz. Weiterhin kann man in St. Sebastian zwei sehr schöne Gemälde, das Sterben Mariens und Mariens Krönung sowie die vierzehn Kreuzwegstationen, die 1869 angeschafft wurden, betrachten.
Die Orgel wurde 1938 gebaut und 2006 generalsaniert. Früher, so der Küster, war die Orgel auf der Empore über dem Eingang platziert und die seitliche Empore war den Unverheirateten des Dorfes vorbehalten.
So ganz ohne Veränderungen gingen die 60er und 70er Jahre nun doch nicht an Stangenroth vorbei. Im Altarraum wurden 1965 entsprechend der neuen Liturgieform ein Altartisch, Ambo und Priestersitz installiert, die von Julian Walter aus Vasbühl angefertigt wurden.
Dass allerdings schon, bevor 1792 Stangenroth eigenständige Pfarrei wurde, eine Kirche da war, beweist der aus dem 17. Jahrhundert stammende Taufstein. Der Überlieferung nach soll in Stangenroth, das als Filiale der Pfarrei Burkardroth angegliedert war, eine kleine Kapelle bestanden haben. In der Dorfchronik ist vermerkt, dass die Stangenrother 1747 die alte Kapelle einrissen und eine neue Kirche mit den Maßen 9,20 m auf 12,70 m bauten. „Jetzt war auch der Pfarrer von Burkardroth geneigt“, so formuliert es Ernst Dettmer, „13 Jahrtage in dem Kirchlein zu halten“. 1899 wurde die Kirche, den Aufzeichnungen Pfr. Reinhard zufolge, erweitert, wobei das Langhaus um 8,50 m nach rückwärts vergrößert und ein eigener Turmbau errichtet wurde. Bereits 1910 wurde das Gotteshaus erneut erweitert und zwar nach der Seite hin. Heute finden in der Stangenrother Dorfkirche rund 300 Personen Platz, wobei dieser nur an Hochfesten oder erst kürzlich zum 50jährigen Küsterjubiläum von Pius Voll, zu dem eigens Bischof Helmut Bauer eine Festmesse zelebrierte, voll belegt ist.
 
Wissenswertes aus der Pfarrei
Ursprünglich gehörte Stangenroth als Filiale, ebenso wie die Dörfer Wollbach, Zahlbach und Gefäll zur Pfarrei Burkardroth. Nachdem allerdings die Einwohnerzahlen zu Beginn des 17. Jahrhunderts die von Burkardroth überflügelten, nahmen die Bestrebungen, sich zu einer eigenständigen Pfarrei zu entwickeln, immer mehr zu. Pfarrer Reinhard hat herausgefunden, dass der Loslösung 1792 ein heftiger Streit vorausging, der mit dem „Separationsdekret“ des Bischofs noch lange nicht zu Ende war. Der Pfarrei Burkardroth standen nun magere Jahre bevor, denn es wurden „ihr Stolz und Mark genommen“. Aufgrund der großen Einwohner- und Haushaltsanzahl haben damals die Stangenrother recht ordentlich zum Wohlergehen der Pfarrei Burkardroth beigetragen. In Dettmers Dorfchronik zum Dorfbrand 1738 ist beispielsweise nachzulesen, dass Stangenroth ein sehr reiches Dorf gewesen sein muss. Der Schneider soll mit einem silbernen Ellenmaß und die Geschirre der Ochsen und Pferde mit Silber beschlagen sein.
Heute wohnen in Stangenroth 1100 Einwohner und es ist somit zweitgrößter Ortsteil im Markt Burkardroth nach Premich mit über 1200 Einwohnern. Der Pfarrgemeinderat besteht aus 12 Personen und wird von Jürgen Schmitt angeleitet. Als Kirchenpfleger ist Werner Wahler eingesetzt. Zwei Mal jährlich findet ein Seniorennachmittag statt und die Ministranten- und Jugendarbeit hat einen sehr hohen Stellenwert erlangt. Ansonsten feiert man alle zwei Jahre das Pfarrfest, nach der Auferstehungsfeier ein Osterfrühstück und ein jährliches Helferfest für alle in der Kirche ehrenamtlich Tätigen.
Als eigene Institution der Pfarrei kann mittlerweile Pius Voll angesehen werden. Er verrichtet seit 50 Jahren den Küsterdienst in St. Sebastian. Mit seinen 83 Jahren wird er sich so langsam zur Ruhe setzen, denn es haben sich drei junge Nachfolger gefunden, die seine Aufgaben abwechselnd übernehmen werden.
St. Sebastion ist der namenspatron der Stangenrother Dorfkirche. Das Patronatfest wird am 20. Januar begangen. Er gilt als Schutzheiliger der Sterbenden, der Schützen, der Soldaten , gegen Pest und Seuchen. Rainer Maria Rilke hat er 1905/1906 zu folgendem Gedicht inspiriert:
 
St. Sebastian
Wie ein Liegender so steht er da; ganz hingehalten von dem großen Willen. Weitentrückt wie Mütter, wenn sie stillen, und in sich gebunden wie ein Kranz.
Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt und als sprängen sie aus seinen Lenden, eisern bebend mit den freien Enden. Doch er lächelt dunkel, unverletzt.
Einmal nur wird seine Trauer groß und die Augen liegen schmerzlich bloß, bis sie etwas leugnen, wie Geringes, und als ließen sie verächtlich los die Vernichter eines schönen Dinges.
 
Text und Fotos: Kathrin Kupka-Hahn
Fotos:
 
Außenansicht der Kirche
Innenansicht vom Altarraum mit den beiden Nebenaltären
Die Lourdes-Grotte
Die Steinfigur der Rokoko-Immakulata von 1771