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Kirche "St. Oswald" in Stralsbach
Die Stralsbacher Bergkirche erhebt sich würdevoll über dem Dorf und verleitet unwillkürlich zu der Annahme, dass St. Oswald über „seine“ Stralsbacher wacht. Ebenso zeugt das äußere Erscheinungsbild davon, dass die Kirche und ihr kleines Dorf eine wichtige Rolle in der gesamten Vorrhön gespielt haben muss. Tritt man in St. Oswald ein, muss man erst einmal innehalten und das, was man erblickt, auf sich wirken lassen.
 
 Wie in vielen anderen Ortschaften im Markt Burkardroth wurde auch in Stralsbach Mitte der 70er Jahre ein Betonmonumental an die bestehende alte Kirche angebaut. Diese Verbindung unterschiedlicher Zeitepochen schockiert, und eröffnet zugleich die Möglichkeit, je nachdem, welche Einrichtung man favorisiert, in der alten Kirche oder im moderneren, nüchternen Anbau Platz nehmen.
Der Anbau, auch Erweiterungsbau genannt, wurde am 1. September 1974 von Weihbischof Alfons Kempf nach gut einem Jahr Bautätigkeit eingeweiht. In diesem Raum dominiert die überdimensionale, dunkel gehaltene Holzdecke, die einen fast zu erdrücken scheint. Abhilfe schaffen die beiden Glaswände, links und rechts vom Durchgang in den alten Kirchenteil, die mit verschiedenen Jesusgesichtern ornamentiert sind. Sie bringen sprichwörtlich Licht ins dunkel. Die Wände des aus Beton geschaffen Anbaus sind mit roten Klinkern oder Ziegelsteinen verkleidet, eine für die fränkische Region äußerst untypische Art. Warum ist nicht bekannt. In der Mitte des Anbaus befindet sich der Altarraum, der mit dem steinernen Altar, einer sehr eigenwillige Tabernakel-Skulptur und mehreren Steinquadern, die als Sitzmöbel fungieren, eher schlicht ausgestattet ist. Derzeit findet man neben dem Altartisch die Figur des Namenspatrons St. Oswald platziert, denn am 5. August ist das Patrozinium datiert. Diese Holzskulptur wurde ebenso wie St. Wendelin, der im rechten Eck neben der Glaswand befestigt ist, 1906 angefertigt. Die Figur des St. Oswald trägt einen gefüllten Brotkorb als Attribut, denn er soll der Legende nach bei einem Gastmahl alle Speisen an die Armen weitergereicht haben. Links und rechts neben dem Altarraum sind die Seitenschiffe angeordnet, während direkt gegenüber die alte Stralsbacher Kirche als Mittelschiff dient. Insgesamt finden in den Bänken von St. Oswald gut 320 Personen Platz, wobei auch schon 500 Personen untergekommen sind, wie bei den Musicalaufführungen der Gruppe „Nur Mut“. Die Stralsbacher haben es sich im Laufe der Jahre nicht nehmen lassen und einige erhaltene Heiligenfiguren aus der alten Kirche, die teilweise sehr wertvoll sind, in dem modernen Anbau untergebracht. So sind Skulpturen des Hl. Sebastian und des Hl. Valentin, beide in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden, im Eingangsbereich angebracht. Als das älteste Stück ist eine Tragemadonna von 1710 an der Wand rechts neben dem Tabernakel platziert.
Von der alten Kirche sind nur der Kirchturm, das Gemäuer und einige wenige Einrichtungsgegenstände erhalten geblieben. Schließlich folgte man beim Umbau in den 70er Jahren der empfohlenen Nüchternheit bei der Gestaltung von Gotteshäusern. Der alte Hochaltar in seiner Gesamtheit ist heute nicht mehr erhalten und nur noch auf Fotografien zu betrachten, ebenso wie die Kanzel und die beiden Emporen. Den Tabernakel zierte eine Plastik, die das urchristliche Symbol, den Pelikan darstellt, der seine Brut mit seinem Blut nährt. Dieser konnte vor der Zerstörung gerettet werden und hat heute seinen Platz in der kleinen Taufkapelle unterhalb der Orgel. Den Innenraum der alten Kirche schmückt ein prächtiger Seitenaltar mit reichem Rokokoaufbau, der 1755 bis 1759 von dem damals bekanntesten nordfränkischen Holzbildhauer Johann Josef Kessler aus Bad Königshofen als Marienaltar geschaffen wurde. Neben der Mutter Gottes sind der Namenspatron der Kirche St. Oswald und St. Veit mit ihren jeweiligen Attributen dargestellt. Max Josef Fries schreibt in seinem “Heimatbuch der Siedelung Stralsbach“ von 1932, dass die Verehrung von St. Oswald und St. Veit als Beweise dafür dienen, dass eine Kirchengründung in Stralsbach schon sehr früh geschehen sein muss. St. Oswald wurde, so der Chronist, als Gegenpatron zur Verdrängung Wotans erwählt und soll Züge von seinem Mythos in sich aufgenommen haben. Er wird sehr häufig mit einem Raben dargestellt, dem Vogel Wotans. St. Veit bezeichnet Fries als zweiten Namenspatron, da auch dorfgeschichtlich belegt ist, dass am Sonntag nach St. Veit (15. Juni) das Kirchweihfest und der Gerichtstag, den die Äbtissin von Frauenroth mit ihren Jungfrauen in Stralsbach abhielt, stattfanden. Weiterhin wird vermutet, dass St. Veit als Gegenpatron des slawischen Sonnengottes Swatowit in christianisierten slawischen Ländern angesehen war. Slawen mögen es wohl auch gewesen sein, die die Verehrung von St. Veit bei ihrer Niederlassung in und um Stralsbach „mitgebracht“ haben. Am Stralsbacher Marienaltar ist St. Veit mit einem Hahn dargestellt, dem Sinnbild der Wachsamkeit. Lehrer Fries zitiert in seinem Heimatbuch als bekanntes Gebet: „Heiliger Veit, weck mich auf zur rechten Zeit, nicht zu früh, nicht zu spät, wen die Uhr ... schlägt “.
Als weiteres Schmuckstück in der alten Kirche darf man die Kreuzwegstationen anführen, die im Kunstkalender als „gut komponierte klassizistische Arbeiten“ bezeichnet werden. Das Gemälde „Abendmahl“ wurde der Überlieferung nach 1792 vom Maler Johann Martin Herbert angefertigt und hängt heute in der kleinen Taufkapelle. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass der Bayerische Kunstkalender darauf verweist, dass „Ein zweites Gemälde, Geburt Christi, sehr gute Arbeit um 1770 (von Andres W. Stein) spurlos verschwunden!“ ist.
Um 1900 ist das große Deckengemälde entstanden, das auch heute noch die Decke der alten Kirche ziert. Darauf abgebildet ist die Legende, in der St. Oswald den Armen Speisen reicht. Auf den vier um das Hauptgemälde platzierten kleineren Bildern sind die vier Evangelisten erkennbar. Es wird erzählt, dass der aus Aschaffenburg stammende Kunstmaler G. J. Rettinger die Decke für Kost und Logis – sprich für einen Apfel und ein Ei – um die Jahrhundertwende anfertigte. Beim Blick von der alten Kirche in den Altarraum des Kirchenneubaus entdeckt man neben dem Hl. Antonius, Holzskulptur von 1750, eine sehr schöne Pietà aus dem Jahr 1918.
Wann genau die erste Kirche in Stralsbach gebaut wurde, ist nicht belegt. Aber es gab um 1285, wie urkundlich bewiesen ist, einen Leutepriester, der den Schluss auf das Vorhandensein einer Kirche durchaus zulässt. Den Recherchen von Josef Wabra zufolge wurde 1594, in dem Jahr als Stralsbach zur Pfarrei ernannt wurde, ein Kirchenbau abgerissen und bis 1618 weitgehend erneuert. 1793 stürzte der Turm dieser Kirche ein, was Fürstbischof Karl von Fechenbach dazu veranlasste, die bestehende Kirche einzureißen und 1801 eine neue – die jetzige „alte“ - Kirche zu bauen.
Natürlich könnte man noch viel mehr Wissenswertes zur Stralsbacher Kirche und ihrer Vergangenheit berichten, zumal Josef Wabra und Max Josef Fries als Historiker und Chronisten vieles dokumentiert und festgehalten haben. Besonders die Gespräche mit Frau Marianne Schmitutz, der Küsterin von St. Oswald, gaben Aufschluss über die wechselhafte Geschichte dieses außergewöhnlichen Gotteshauses auf dem Berg, wo man ihren Worten nach „die Stille in der Kirche noch hören kann“. 
 
Wissenswertes zur Pfarrei Stralsbach: 
Stralsbach gehörte bis 1574 zum Kloster Frauenroth und war somit Filialkirche von Bad Kissingen. Mit Errichtung der selbstständigen Pfarrei 1594 wurde als erster Pfarrer Adam Potinger ernannt. Bis 1980 gab es in Stralsbach einen eigenen Pfarrer und mehrere Filialdörfer, darunter unter anderem Waldfenster bis 1792, Katzenbach bis 1794 und Lauter. Als letzter „eigener“ Pfarrer war bis 1980 Klemens Götz fast 25 Jahre als Seelsorger in Stralsbach tätig.
Heute leben in Stralsbach rund 570 Einwohner. Dem siebenköpfigen Pfarrgemeinderat steht Christel Samland vor, während sich Erwin Grom als Kirchenpfleger engagiert. Im Frühjahr hat die Stralsbacher Gruppe „Nur Mut“ mit ihrer Aufführung des Paulusmusicals im gesamten Landkreis die Zuschauer begeistert. In St. Oswald werden außerdem Kinder- und Familiengottesdienste abgehalten. Die christliche und dörfliche Gemeinschaft pflegt man zudem im Seniorenkreis und beim Jugendtreff.
Als Bauernregel wird häufig die Nachstehende zitiert: „Oswaldtag muss trocken sein, sonst werden teuer Korn und Wein“. 
 
Text und Fotos: Kathrin Kupka-Hahn
 
Fotos: 
Ein Blick auf Stralsbach mit seiner Bergkirche aus Richtung Frauenroth kommend
Der Altarraum im Kirchenneubau mit St. Oswald Figur, steinernem Altar und Tabernakelskulptur
Der prächtige Marienaltar mit St. Oswald und St. Veit, ein Seitenaltar mit Rokokoaufbau
Ein Blick ins Mittelschiff, in die alte Kirche
Außenansicht St. Oswald in Stralsbach